Dienstag, 10. Oktober 2006

foxtrott uniform charlie kilo

Wenn man den Großteil seines Lebens im Kernhaus eines Apfels verbracht hat und dann plötzlich flatternd am Herbstbaum hängt, weiß man erst nicht recht, wie einem geschieht. Man schluckt. Es ist ungewohnt, frei schwebend zu sein und auch ein wenig beängstigend, keinen Boden unter den Füßen zu haben, so zirka 2 Meter und 34 Zentimeter. Hier und da beobachtet man andere dunkelbraune Kerne unter sich herumhüpfend, dann atmet man die um einen wehende, gewalttätige Luft aus Abgasen, Moet und blauem Dunst ein, streicht sich die wieder zurückschlagenden Haare aus dem Gesicht und grinst.
Dass man am nächsten Abend wieder ins wohlig nervige Kernhaus zurückmuss verdrängt man erfolgreich mit einem Schluck Baileys. Er schmeckt süß und klebrig und man kann sich so vollends auf den anheimelnden Alkoholbeigeschmack konzentrieren, dass einem fast warm ums Herz wird. Selbst wenn dieses mutmaßliche Einbildung ist, so fühlt es sich doch erstaunlich arglos an.
„Argumentativ nicht wertvoll“, stelle ich fest, stelle das Glas ab. Irgendwie wiegt es schwerer in meiner Hand, als so manch anderes Glas.
Ich singe „Foxtrott, Uniform, Charlie, Kilo“, weiter kann ich den Text nicht. Egal. Die Musik ist sowieso zu laut, um mein Gegröle durchzulassen; und wenn das nicht wäre, würde mich der kreischende Motor triumphierend übertönen. Noch immer schwinge ich am Ast.
Bitterkalt ist es, mein Hals tut weh, vom Rauchen und Rüberbrüllen. Aber mit etwas Tonikum wird das wieder vergehen, meine ich, hangle mich durchs Geäst. Doch schon falle ich ins Unsichere, suche Halt. Ich falle weiter bis ich in einem Apfel stecken bleibe.
Das „Willkommen Zuhause“-Schild am Stiel erscheint mir heuchlerisch und wirkungslos zur selben Zeit

Montag, 7. August 2006

19 und immer noch nicht klüger?

Plötzlich ist man 19 Jahre alt. Zwar passierte es nicht wirklich so plötzlich, wie ich das in dem Moment empfand, denn das 19. Lebensjahr hat man am 19. Geburtstag ja schon hinter sich. Aber dennoch stellte ich entzaubert fest: Plötzlich war ich 19 und fühlte mich alt.
„Oh Gott, ich werd nächstes Jahr 20!“ geht einem unwahrscheinlich leicht über die trocken gewordenen Lippen, die man eifrig mit Gin-Tonic befeuchtet. Man fragt sich, was man im 19. Lebensjahr eigentlich erlebt, geleistet, verursacht hat, und kommt zu keinem befriedigendem Ergebnis, das man mit braunem Tequila, Zimt und Orange runterschluckt. Auf deinem geistigen Zeugnis steht vermutlich rot und fett „ungenügend“ - unterpunktet hast du!
Wie gerne würde ich jetzt auf meinen verhassten Bio-Lehrer schimpfen, Verantwortung an meine motzenden Eltern abschieben oder wie eine Zwölfeinhalbjährige losheulen. Aber irgendwie schaue ich nur belämmert drein; benommen und nüchtern zugleich beschreibt meinen Zustand ganz gut, und ich erkenne: Ich hab doch was gelernt. Doch nicht ungenügend!
Dort, wo früher ein großer Batzen Naivität und jugendliche Gleichgültigkeit war, ist immerhin ein Fetzen Erwachsenheit und Erkenntnis eingekehrt. Manchmal gefällt es mir, dieses Gefühl mit einem „Eh schon egal“-Unterton ‚Resignation’ zu nennen. Aber meist dient das nur zur Untermalung der Dramatik des Augenblicks. Meinem Image als unverbesserlicher Pessimist muss ich ja irgendwann dann doch mal nachkommen! Man gönnt sich ja sonst nichts ...
Schließlich entscheidet man sich, nicht ins Nachtpalais zu gehen. Zu viele Kinder da. Dorffeste sind selbstverständlich aus demselben Grund auch gestern. Irgendwie tragisch könnte man das finden, aber tröstend ist bekannt, dass man wenigstens dahin wiederkehrt, wenn man über 40 ist. Sieht zumindest fast so aus.
„Dann machen wir halt nen Videoabend. Aber schon auf Englisch, ne?!“

Freitag, 4. August 2006

Das Phänomen

Dass das Leben eine gewisse Tragik mit sich bringt, wusste ich schon etwas länger. Dass man diese auch genießen kann habe ich ebenfalls kurz später gelernt. Was aber passiert, wenn man es Tragik nennen will, aber Ironie eher zutrifft – das erfuhr ich erst gestern Nacht als es schon wieder Morgen wurde.

Es gibt Menschen, deren Gesichter willst du nicht vergessen. Entweder weil sie dir so lieb sind, oder weil sie dir so verhasst sind. Oder aber weil du mit ihnen einfach eine schöne Zeit verbindest, an die du dich in manchen Phasen deines Lebens immer wieder bis ins Detail genau erinnern möchtest und musst.
Blöderweise habe ich die Angewohnheit, oder schlichtweg den Fehler, Gesichter zu vergessen, bzw. die Konturen unscharf werden zu lassen, das Gesamtbild nicht mehr klar erkennen zu können im Nachhinein. Ich finde das tragisch, und es stimmt mich traurig und macht mich wütend auf mich selbst, dass ich Menschen so leicht „vergesse“. Unbewusst.
Doch gestern Nacht war er wieder da: messerscharfe Umrisse, deutlich blaue Augen und fast fühlbar starke Hände. Sogar die dunkle Stimme klar vernehmlich in meinen Ohren.
- das war mir noch nie passiert; und schon gar nicht wenn ich es wollte!
Ich hab dann versucht, das Bild so lange wie möglich festzuhalten, um es nicht mehr zu vergessen. Ob es mir gelungen ist, weiß ich dann erst wieder in einer Woche. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Synapsenbindungen dieses eine Mal standhalten werden!

Samstag, 25. März 2006

zeitlos

Nenne etwas das du dir zutraust.
Bringe einen Menschen zum Lächeln.
Schwimme in einem Gefühl.
Trinke aus dem gleichen Glas.
Verlass dich auf dein Herz.
Küsse einen Mundwinkel.
Schreibe mit einem Stift aus Blei.
Falte deine Hände zusammen.
Provoziere ein Gespräch.
Leere einen Liter Honig.
Wisch einen Tropfen Wein weg.
Besinne dich selten.