Nachlässig werden - das klingt, als würde man beginnen, sich weniger zu schminken, keine 50 Sit-Ups täglich mehr, Kaffee und Zigarette statt Apfelsaft und Körnerbrötchen.
"Jetzt geht's auf die 30 zu!" hab ich an meinem 21.Geburtstag mit einem spielerisch verzweifelten Unterton berichtet. Wie berechnet hatten alle gegrinst, den Kopf geschüttelt und es für den so geplanten Scherz gehalten, auf den ich mich schon tagelang gefreut hatte.
Dann nahm jeder sein langstieliges Sektglas mit Freixenet Semi-Secco in die Hand und stieß auf mich an. Ich trank auf Ex, und neben der Tatsache, dass ich lieber einen übersüßen Asti gehabt hätte, war mir noch etwas aufgefallen: Ich hatte das ernst gemeint!
Natürlich war es noch etwas hin, bis zu meinem nächsten "Runden", aber irgendwie war es schon so. Ich war nun in den Zwanzigern. Ich war jung, frei, schön, intelligent, extrovertiert und beliebt. Okay, das "schön" klang einfach nur in der Aufzählung gut ... Trotzdem hatte ich schreckliche Angst, etwas zu verpassen; nicht genügend Erlebnisse, Erfahrungen und Wissen in mich aufsaugen zu können, bevor es mutmaßlich zu spät sein würde.
Um dem abzuhelfen, versuchten bereits mehrere mir nahestehende Personen, mich von meinem Zynismus zu heilen, mir positives Denken schmackhaft zu machen, mich zu beruhigen mit sowohl lächerlichen als auch gut gemeinten Floskeln. Das war es, weshalb ich meine Freunde so liebte. Sie kannten mich gut genug, um zu wissen, dass bei mir sowas nicht zog - taten es aber trotzdem immer wieder, weil sie wussten, dass es das einzige war, was ich hören wollte und sollte. Irgendwann, so hoffte ich inständig, würden die sinnvollen Tipps in mein Unterbewusstsein wandern, und mich quasi von innen heraus zu einem besseren Menschen machen. Vielleicht sollte ich zudem aufhören, Hesse zu lesen ... ja, das wäre ein Anfang.
Songs 05/26
vor 4 Tagen

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